WELLBEING DURCH DIVERSITÄT


Diversität ist in aller Munde, hat sich jedoch längst noch nicht zu einem wirklich akzeptierten Teil unserer Gesellschaft entwickelt. Insbesondere in der Wirtschaft und im Arbeitsleben wird das Thema zwar ebenso wie Umweltschutz gerne zur Imagepflege benutzt, in der Praxis jedoch nach wie vor kaum angewendet. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in allen anderen Lebensbereichen. Man ist politisch korrekt, offen für andere Kulturen, Religionen und Lebensarten und natürlich auch für die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Einschränkungen aller Art. Nur bitte nicht unbedingt in meinem persönlichen Umfeld, denn schliesslich kann man es sich nicht leisten, dass der Nachwuchs in Kita oder Schule auf seinem Schnellweg zum Erfolg durch andersartige Kinder ausgebremst wird, dass die Effektivität des Unternehmens durch die Langsamkeit und Eigenart einzelner Mitarbeiter Schaden nimmt oder dass meine Wohnqualität durch Kopftücher und Knoblauchgeruch gemindert wird.


Obwohl wir reisen wie verrückt, um andere Kulturen und Lebensarten zu erleben, obwohl Buddhismus und Yoga zu Megatrends avanciert sind und sogar Minister schwul sein dürfen, obwohl fast in jedem gehobenen Haushalt eine fremdländische Putzhilfe beschäftigt ist und es mehr italienische, vietnamesische und thailändische Restaurants gibt als deutsche, bleibt die echte Inklusion der Menschen nach wie vor in den Kinderschuhen stecken. Der Grund liegt in der Biologie des Menschen.

Ungewohntes und Fremdartiges macht Angst und da der Mensch als erstes sein Überleben sichert, vermeidet er alles, was noch nicht als nützliche Erfahrung in

seinem Gehirn abgespeichert hat. Diesen Algorhythmus wiederholt er Tag für Tag und eine Chance zur Veränderung besteht nur durch emotionales Erleben und eigene Erfahrung, nicht jedoch durch kognitive Aufklärung oder Empfehlungen. Deshalb bekunden fast alle Menschen ihre positive Einstellung zur Diversität, aber nur ein Bruchteil setzt sie auch in Taten um.


Das heisst, der Schlüssel zu Akzeptanz und Inklusion liegt nur im eigenen Erleben, wie viele Beispiele zeigen, die zur Entwicklung in diesem Bereich beigetragen haben.

Ob es die Urlaubsreise nach Tibet ist oder der Restaurantbesuch beim Japaner, ob der Transgender-Nachbar das Kind betreut oder man sich bei der Tafel engagiert,

ob der Autist in der IT-Firma mit seinen Fähigkeiten alle in Begeisterung versetzt oder man ein Buch von Stephen Hawking gelesen hat, jede positive Erfahrung trägt dazu bei, Vorurteile und Glaubenssätze abzubauen und Andersartigkeit zu akzeptieren. Je mehr und je öfter dieser Prozess stattfindet, desto schneller wird Diversität zur Normalität, was dringend notwendig ist.


Unsere Gesellschaft entwickelt sich nicht durch die Wiederholung des immer gleichen, sondern durch neuen Input, neue Gedanken und neue Sichtweisen. Und deshalb brauchen wir Vielfalt und Andersartigkeit auf allen Ebenen. Insbesondere auf der zwischenmenschlichen Ebene, die zu Lasten von Leistung und Wohlstand immer mehr auf der Strecke bleibt. „Gutmenschentum“ wird heute nur noch sarkastisch verwendet und „voll behindert“ ist zur gebräuchlichen Abwertung unter Jugendlichen geworden. Statt Gemeinschaft und Unterstützung herrschen Konkurrenzkampf und Vereinsamung.

Diversität kann einen grossen Beitrag dazu leisten, diese Wertestruktur wieder auszugleichen und die negative Entwicklung zu stoppen, die sich vom Klimawandel über Artensterben bis zur Explosion psychischer Leiden immer weiter abzeichnet.

Es geht also nicht darum, Andersartigkeit an unsere fragwürdigen und folgenschweren Strukturen anzugleichen, sondern darum, aus anderen Sichtweisen zu lernen, ob es vielleicht auch ohne 60-Stunden-Woche, Rückenleiden und Beziehungsstress geht und ob wir unseren hohen materiellen Lebensstandard nicht mit Komponenten anreichern können, die zu mehr Lebensqualität und Zufriedenheit führen.



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